Wie war das nochmal mit der Teilung der Gesellschaft in Personen, die mit dem Leben im digitalen Zeitalter klar kommen und jenen, die möglicherweise auf der Strecke bleiben – dem “Digital Divide”? In jedem Fall spielen – wovon bislang ausgegangen wurde – sozio-demographische Faktoren eine wesentliche Rolle, in welcher dieser Blöcke man sich wiederfindet.
Digital – Native or Immigrant?
Zusätzlich bildet aber auch, so hart es klingen mag, das Geburtsjahr eine markante Trennlinie. Vor 1970 geborene Personen wurden in einem äußerst spannenden Vortrag, den ich vor einer Woche im Rahmen einer “Technology Outlook”-Veranstaltung in Zürich gehört habe, als “Digital Immigrants” bezeichnet. Vortragender: Moshe Rappoport, IBM Research. Durch die Tatsache, dass sie weitgehend ohne Informationstechnologie aufgewachsen sind, fehlt ihnen die Fähigkeit, spielerisch damit umzugehen. Diese ist selbst durch individuelle Bemühung nicht erlernbar. Einmal “immigrant”, immer “Immigrant”. Nach 1980 geborene Personen sind dem gegenüber als “Digital Natives” zu bezeichnen. Sie haben den Umgang mit der IT quasi im Blut und sind vor allem durch eine spielerische und risikoaffinere Herangehensweise geprägt. Scheitern und Neubeginn nach dem “Game over” sowie das Prinzip von trial and error stellen wesentliche Elemente dar, die nicht von vornherein als negativ abgestempelt sind.
Die Jahre dazwischen..
Wo lassen sich die übrigen 10 Geburtsjahre einordnen? Als 1979 Geborener bin ich laut Definition knapp an den “Digital Natives” vorbeigeschrammt. Ich würde für diese Zeit die anfangs erwähnten sozio-demographischen Faktoren heranziehen, die den Ausschlag geben, welcher Gruppe jemand zuzuordnen ist. Bei mir persönlich hat sich zur Schulzeit (Anfang-Mitte 1990er Jahre) abgezeichnet, dass mein Interesse der IT gilt, auch wenn die verfügbaren Möglichkeiten (von kommerziell verfügbarem Internet war noch keine Spur und Mobiltelefone standen erst in den Startlöchern) begrenzt waren. Der Einstieg ist auch aus heutiger Sicht wenig überraschend über die Spiele-Schiene gekommen: Ende der 1980er Jahre konnte ich diese Welt mittels Commodores Amiga 500 erkunden.. Aus sozio-demographischer Sicht war die Uni-Karriere meiner um knapp 10 Jahre älteren Schwester entscheidend: Seminararbeiten und Diplomarbeit sollten PC-basiert erstellt werden. Wer kann das besser als der “kleine Bruder”
Ob mich das zu einem echten “Digital Native” macht, bleibt offen.
Als Indikator für die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen sehe ich die Herangehensweise bei der Lösung von Problemstellungen. Bei dem Vergleich bleibe ich gänzlich wertfrei, da aus meiner Sicht beide Wege zu Erfolg führen oder auch scheitern können: Tritt ein Problem auf, so agieren “Natives” (zu denen ich mich in diesem Fall zähle) intuitiv. D.h. auf Basis der eigenen Erfahrung wird sofort die Lösung durch eine bei einem ähnlichen Problem erfolgreiche Variante versucht – mit notwendigen Anpassungen. Es kann dabei auch eine ganze Reihe von Ansätzen versucht werden, bis einer zum Erfolg führt. Dabei werden Risiken zwar grundsätzlich nicht außer Acht gelassen, eine detaillierte Prüfung oder Analyse entfällt jedoch. Diese bildet jedoch das Kernelement der “Immigrants”. Erst wenn potentielle Restrisiken ausgeschlossen werden können, wird eine Lösung versucht. Es handelt sich dabei um eine wohl überlegte und Risiko-minimierte Vorgehensweise, die qualitativ überlegen ist, aber Mängel bei der Effizienz aufweist. Das Vorgehen macht sich bezahlt, wenn durch das Risiko-affine Vorgehen eines “Natives” Schaden entstanden wäre..
More risk = Business as usual
Was ist heutzutage von den “Digital Natives” zu erwarten? Das gänzliche Aufwachsen im Digitalen Zeitalter hinterlässt seine Spuren. Wie erwähnt äußert sich das in gesteigerter Risikobereitschaft. Nach dem “Game over” drückt man intuitiv den “Restart Game-Button” und das Spiel beginnt von Neuem. Dazu kommen neue, schneller werdende Kommunikationsformen, die selbst aus meiner Sicht nicht unbedingt nachvollziehbar sind. Wenn man denkt, E-Mails und Informationen auf Websites seien schnell und unmittelbar genug, hat man schon fast verloren. Instant Messaging (ICQ u Co) sind mittlerweile auch schon alte Hüte, mittels Micro-Blogging (à la Twitter), RSS-Feeds und diversen Web 2.0-Plattformen (Youtube, Wikis,..) versorgen sich User gegenseitig mit Informationen. Inzwischen dringt diese Generation auch in die Mangement-Ebene großer etablierter Unternehmen ein und wird wohl in absehbarer Zeit einen Paradigmenwechsel auslösen. Man darf also gespannt sein.
Generation in the Middle
Das Bewahren guter, alter Strukturen und Techniken sowie das Abschotten gegenüber neuen Elementen wird einerseits immer schwieriger, andererseits zunehmends fragwürdig. Daher bin ich persönlich der Meinung, dass in diesem Prozess die Schlüsselfiguren aus der Generation zwischen “Immigrants” und “Natives” stammen, da ihnen beide Welten zugänglich sind. Nach der Übergangsphase würde ich jedoch Nachteile sehen, da die Relikte aus früherer Zeit möglicherweise hemmend wirken und der Überrest an Vorsicht zum Wettbewerbsnachteil werden kann. Vielleicht ist aber gerade dieser Rest das nötige Sicherheitsnetz, das zum Erfolg führt!?
Quellenhinweis: Die Unterlagen zum erwähnten Vortrag von Moshe Rappoport, IBM Research sind unter folgender Adresse beziehbar: Future Network, Dokumentationen
Bericht über die Veranstaltung: pressetext.schweiz
[...] Nachtrag zum letzten Beitrag (”Schnittstelle zwischen den Welten“): Über das Eindringen der “Digital Natives” in die Leitungsebene von [...]
Rappoports Unterteilung in Natives und Immigrants geht auf Mark Prensky zurück, der Namensgeber für diese Begriffe ist. Zu Beginn Deines Artikels hebst Du noch den sozio-kulturellen Aspekt hervor, welcher tatsächlich bedeutsamer ist, als das Geburtsjahr. Auch Menschen mit Geburtsjahr 1990 (oder später) können Digital Immigrants werden bzw. sein. Bei Interesse findest Du hier mehr: http://evolusin.wordpress.com/2009/08/06/digital-native/